Black or White von Barbara Kaufmann – Teil 1 bis 4
23. August 2017
Teil 1 von 8: Beginn der Serie
Wenn ich gefragt werde, welchen Song ich von Michael Jackson am meisten mag, muss ich sagen: „Man in The Mirror”. Doch wenn die Frage lautet, welcher Song den größten Einfluss oder die größte Auswirkung in Bezug auf die Geschichte hatte, dann wäre es „Black or White”. Michael Jackson war ein Bürgerrechtsaktivist und Freiheitskämpfer, der wusste, dass er eine Plattform besaß und der Strategien entwarf, um sie wohlüberlegt zu nutzen. Mit Musik, Bewegung und Vorstellungskraft machte sich Michael auf den Weg, die Welt zu verändern – und er tat es. „Black or „White” ist ein Beispiel dafür.
Als Meister der Zweideutigkeit, Ironie und unterschwelligen Suggestion sickert Michaels Sinn für Humor durch alles, was er tut. Er ist wagemutig, in dem, was er sagt, doch mehr noch in dem, was er nicht sagt. „Black or White” zeigt sich uns auf dem Album „Dangerous” und Michael musste sehr genau wissen, was er tat, als er ironische Namen und verschlüsselte Botschaften wählte; ich habe gelernt, dass dieser Perfektionist nichts dem Zufall überließ. Er hatte einen Grund für alles, was er tat und achtete peinlich genau darauf, wie seine Botschaft nach außen getragen und vermittelt wurde.
„Black or White” ist aus vielerlei Gründen faszinierend. Es ist nicht so subtil wie die Botschaften in „Ghosts”, es ist jedoch sehr kraftvoll in den Aussagen, die es trifft und möglicherweise wurde es von einigen als…gefährlich…angesehen. Die Welt war für das, was Michael in dem Kurzfilm zu „Black or White” tat, nicht bereit. Sie war noch zu sehr in konservativen und sogar puritanischen Denkmustern gefangen und Michaels Handlungen im Film waren nicht nur kontrovers, sondern „skandalös”.
Er war offenkundig erotisch, ja sogar autoerotisch, „brachial” und das machte die Leute nervös; sie fürchteten sich vor seinem Einfluss auf die Jugend. Doch genau dies war das Publikum, auf das Michael abzielte und der Film war so berechnet, dass er ihre Aufmerksamkeit damit erreichte, um seine Botschaft an sie zu übermitteln. Jugend ist rebellisch, da es eines der Kennzeichen der Entwicklung hin zu Emanzipation ist, einen Weg zu finden, sich von der Generation, von der sie sich emanzipieren wollen, zu verabschieden und sich vorwärts zu bewegen. Es ist ein unerlässlicher Radikalismus und Michael vermarktete dies in einem „lernfähigen” Moment der Geschichte.
Der Schlussteil, die Symbolik, die Abfolge, die Botschaft, alles geschah absichtlich, ob nun unterschwellig oder offenkundig. Michael hatte etwas Wichtiges zu sagen. Er besaß bereits ein Publikum. Er besaß eine Botschaft. Die Zeit war noch nicht bereit dazu…also machte er sie bereit und das war…“gefährlich”. Später wird „innermichael” damit beginnen „Black or White” in drei Teilen vorzustellen. Um „Black or White” in einen geschichtlichen Kontext und einen unerlässlichen Hintergrund zu setzen, ist eine Lektion in Geschichte vonnöten, um die geschichtliche Signifikanz in Michaels Werk, seinem Album „Dangerous” und im Besonderen in „Black or White”, zu verstehen und wie es die Welt beeinflusste.
Es war das am meisten erwartete Video der Geschichte. Es wurde zeitgleich auf der ganzen Welt veröffentlicht und es veränderte den Lauf dieser Welt. Es geschah vorsätzlich, es war genial, es war mutig und es war sehr, sehr…”gefährlich”. Wir werden uns dann mit den Augen eines Schamanen die Metaphysik, die Archetypen und Symbole anschauen.
(http://www.innermichael.com/2011/04/05/black-or-white-2/)
Der erste Teil wird eine Rückschau auf die Geschichte abgeben. Der zweite Teil wird sich mit dem Film befassen und der dritte Teil mit dem Tanz des Panthers. Also bleibt dran…
Teil 2 von 8: Hintergrund – Black or White und Stolz
Ich unterhielt mich mit einer Freundin über Michael Jackson, sein Lebenswerk und seine Songs und Texte und so kam die Sprache auf den Kurzfilm „Black or White”. Wir wuchsen beide in den 60ern auf und sprachen stundenlang über die wesentlichsten Themen. Ich brachte das Gespräch auf Stevie Wonders Äquivalent zu Michaels „Black or White”, nämlich auf „Ebony and Evory”, sie erinnerte sich daran. Wir sprachen auch über die Black Panther Abbey Hoffmann, Reverend Al Sharpton und Jesse Jackson und über Michaels Kindheit während der turbulenten Bürgerrechtsbewegung. Wir sprachen über die Unruhen in Chicago, Vietnam und auch über die Friedensbewegung und über die Blumenkinder. Ich erinnere mich an diese Tage mit einer solchen Wehmut, dass ich nicht fähig bin, dies in Worte zu fassen. Es ist ein Gefühl. Ich wünschte, ich könnte es mit euch teilen, doch das ist nicht möglich.
Irgendwann, als ich bemerkte, dass meine Freundin gerade zu einem neuen Thema übergegangen war und auch noch harsche Kritik daran übte, dass wir über geschichtliche Hintergründe in Michael Jacksons Werk sprachen, fing mein Hörer an zu glühen. Ihr Ausbruch hatte das widerliche Thema von Rassismus und Schuld der Weißen aufgeworfen. Und auch wenn sie mit mir darüber sprechen konnte, war sie einfach zu erschöpft, es in einer Art anzugehen, die ich von ihr erwartet hätte – in der Art, wie sie schreibt, Klassen unterrichtet oder in Foren schreibt, in denen wir, Schwarze und Weiße, rassistische Probleme besprechen und darüber reden können, wie dies unser Heranwachsen beeinflusst hat. Als ich dieses Thema wieder vorbrachte, brach ihre Stimme und wurde sehr sanft, als sie sagte: „Ich kann nicht. Ich habe es erlebt und habe Lehrgeld bezahlt. Ich kann es nicht noch einmal bezahlen.” Da war eine derart vollkommene Resignation in ihrer Stimme, eine so krankmachende Erschöpfung! Ich verstand sie total. Doch ein Teil von mir wurde so wütend, dass mir die Tränen still und traurig im Halse stecken blieben.
Meine Freundin besitzt eine sehr reichhaltige Geschichte, die niemals geteilt werden kann. Wisst ihr, sie ist schwarz. Eine Afro-Amerikanerin. Eine Negerin. Und sie war auch viele andere Dinge, die die Leute sagen, um die Hautfarbe zu unterscheiden, viele dieser Dinge sind nicht freundlich. Sie kann diese Geschichten nicht erzählen. Wenn sie das Thema vorbringt, sagen manche Leute, sie würde die Vergangenheit aufwärmen, die heute nicht mehr wichtig sei oder dass sie eine geheime Agenda hinter ihren Worten verfolge. Hier bekommt ihr die Lehre der Geschichte; gestattet dem weißen Mädchen, sie euch zu erzählen…
Ich erlebte die gleiche Vergangenheit und auch meine Geschichten könnten dir die Haare zu Berge stehen lassen und auch in mir macht sich Erschöpfung breit, wenn ich diese Tage Revue passieren lasse. Es ist schwer zu beschreiben, doch es ist wie eine Art Gebermüdigkeit. Wenn Menschen immer nur geben und geben, bis sie restlos leer sind und wissen, dass noch so vieles gebraucht wird, aber vollkommen ausgelaugt sind – nicht nur ohne Geld, sondern ohne Energie. Ich war soweit.
Manche Kinder werden mit einer Empfindsamkeit und einem ihnen innewohnenden Sinn für Gerechtigkeit für richtig und falsch geboren. Ich war ein solches Kind; Michael Jackson war ein solches Kind und meine Schwester ist eines davon. Sie wissen, wenn etwas ein menschliches Wesen zutiefst angreift – weil ihr innerer Radar Alarm schlägt. Ungerechtigkeit kann subtil sein wie etwa „Autofahren als Schwarzer” statt „betrunken Autofahren”(anm. Übersetzer: das ist ein Wortspiel, im amerikanischen heißt es „driving while black”, also DWB und „driving while under the influence of alcohol or drugs, also DWI, lässt sich schwerlich übersetzen), es bedeutet, dass du als Schwarzer eher von einer Polizeistreife angehalten wirst und einen Strafzettel bekommst – besonders, wenn du einen Luxuswagen oder Sportwagen fährst.
Polizisten, die nach Klischees handeln, sehen eine schwarze Person in einem Wagen, in den sie nicht hineingehört und nehmen sofort an, dass es sich um einen Kriminellen handelt. Und das ist schlimm, wenn dies in einer überwiegend von wohlhabenden Weißen bewohnten Gegend geschieht. Man nennt dies Profile, die anhand ethnischer Zugehörigkeit erstellt werden. Damals war das noch nicht so subtil und „politisch korrekt” gab es noch nicht. Rassismus und Männerherrschaft fanden damals noch nicht hinter verschlossenen Türen statt.
Während der 60er und 70er Jahre waren Profile mit ethnischer Zugehörigkeit derart alltäglich, dass es dafür keinen Namen gab, denn es wurde als normal angesehen. Bis Schwarze begannen, es zur Sprache zu bringen. Es war nicht nur auf Autofahren begrenzt, es griff derart um sich, dass es war wie „wenn du schwarz bist, dann…”. Die Hautfarbe wurde vermerkt. Es wurden sogar Unterscheidungen getroffen in „hellhäutige Schwarze” und diese wurden mehr akzeptiert als ihre dunkleren Brüder. Paare aus verschiedenen Rassen wurden schikaniert und gemischte Ehen waren verpönt. Der Film „Rat mal, wer zum Essen kommt” mit Sidney Poitier, der 1967 herauskam, half das Stigma etwas zu besänftigen.
Sidney Poitier mit Oscar
Ich musste mir nie Gedanken über „wenn du schwarz bist, dann…” machen, ich musste nie versuchen, mich unsichtbar zu machen oder so tun, als ob ich harmlos sei oder meine DNA hinunter drücken, wie einen Ball unter Wasser. Ich musste meinen Radar nicht auf Alarmbereitschaft halten oder stets meine Umgebung abscannen, um mich sicher zu fühlen oder um zu testen, ob meine bloße Anwesenheit mich in Schwierigkeiten bringen könnte. Ich kann euch Geschichten über Rassismus von beiden Seiten her erzählen – aus schwarzer und weißer Sicht. Und aus roter. Meine teilweise Abstammung von den Ureinwohnern Amerikas zeigt, dass sich meine Vorfahren in ähnliche Unmenschen verwandelten und die Ureinwohner „Wilde” nannten, was mindestens so schmerzhaft ist wie das N-Wort. Doch ich kann völlig als Weiße durchgehen, weil ich angloamerikanisch aussehe. Als mein Sohn jünger war und im Sommer braun wurde, nannten sie ihn „Indianer” oder manchmal „Häuptling”.
Ich vertraute meiner Freundin an, dass ich nicht nur Musik, sondern auch Tanz liebe. Ich erinnerte mich daran, dass Dick Clarks „American Bandstand” so aufregend war und der „Soul Train” war eine Sendung, in der es richtig abging (für die Jüngeren unter euch, Bandstand war ein Art virtueller Musik- und Tanzclub für weiße Kinder, die ihn sich nach der Schule ansahen, der Soul Train war die rockende schwarze Version). Eine natürliche Entwicklung für mich, die Blues, Soul und Funk liebte, war, mich in der realen Version des Soul Train zurechtzufinden, was bedeutete, dass ich die Clubs nördlich von Milwaukee und südlich von Chicago aufsuchte. Oftmals war ich dort das einzige weiße Mädchen.
Dick Clark mit Michael Jackson