The MJCast Interview mit Vincent Paterson

  • The MJCast Interview mit Vincent Paterson
    7. November 2017



    Q (The MJCast): Heute möchten wir etwas sehr cooles mit euch teilen.


    Jamon (The MJCast): Ja genau. Wir haben ein Interview mit einem sehr engen Mitarbeiter Michaels, dem großartigen Choreografen mit dem Namen Vincent Paterson. Es gibt eine Dokumentation über ihn mit dem Titel „Der Mann hinter dem Thron“ (The Man Behind the Throne), und ich denke, dass ist genau der richtige Ausdruck, um ihn zu beschreiben. Er ist ein Typ, der in Michaels Karriere nicht sehr oft im Scheinwerferlicht steht, aber er spielte bei vielen visuellen Aspekten von Michaels Kunst eine absolut wichtige Rolle.


    Q: Und ich denke, er hinterließ einen großen Fußabdruck in der Popkultur.
    Jamon: Auf jeden Fall.
    Q: Ja, also ich denke, wir sollten mit der Show beginnen.
    Jamon: Ja, lass uns anfangen!



    Q: Willkommen bei The MJCast! Ich heisse Q und heute bin ich hier mit Jamon Bull. Wenn die Leute über Michael Jacksons Karriere sprechen, werden einige Name oft erwähnt: die Studio-Genies Berry Gordy, Quincy Jones und Bruce Swedien. Ich denke, ein Name sollte bei dieser Aufzählung auch dabei sein, weil er genau so wichtig ist: Choreograf und Regisseur Vincent Paterson.


    Jamon: Ja genau. Vincent Paterson begann seine Karriere mit Michael, als Assistent-Choreograf und Tänzer in den Kurzfilmen zu „Beat It“ und „Thriller“, bevor er das zeitlose Meisterstück „Smooth Criminal“ choreografierte. Auch bei anderen visuellen Meisterwerken, wie „Black or White“, „The Way you Make me Feel“, „Dirty Diana“ und „Blood on the Dancefloor“, spielte Vincent Paterson eine entscheidende Rolle. Aber seine Mitarbeit bezog sich nicht nur auf die Kurzfilme. Durch seine Regiearbeit und Choreografie der Bad World Tour, Michaels Super Bowl Performance und des MTV 10th Anniversary Specials, war er zudem wesentlich an Michaels Live Performances und seinem ikonischen Status in der Pop Kultur beteiligt. Vincent war ein wichtiger Mitarbeiter bei Michaels Performances und heute werden wir über seinen Werdegang sprechen. Danke Vincent, dass du uns bei The MJCast besuchst.


    Vincent Paterson: Danke euch. Es ist mir eine Freude, hier zu sein und das war wirklich eine nette Einführung. Als ob meine Vergangenheit im Schnelldurchlauf an meinen Augen vorbei gezogen wäre. (lacht)


    Q: Das war höchstens ein Kratzen an der Oberfläche, denn du hast mit so vielen unglaublichen Künstlern zusammen gearbeitet, wir könnten hier zwei Tage am Stück sitzen, und nur die Leute aufzählen, mit denen du gearbeitet hast.
    Vincent Paterson: Wo ich die großartige Möglichkeit hatte, das zu tun. Oh ja. Vielleicht eine ganze Woche lang, wer weiß?
    Q: Ja wirklich! Nenn einfach ein paar Namen. Also, du hast mit Madonna gearbeitet. Und und auch mit Miss Piggy, was auch sehr cool ist.
    Vincent Paterson: Das stimmt ganz genau. Da gibt es so viele wunderbare Leute auf der Liste. Deshalb liebe ich mein Leben. Ich bin in der Welt der Schauspielerei genauso zu Hause, wie in der Welt des Tanzes… diese alten Leute, an die wir uns erinnern, oder von denen wir Bilder sehen, wie Bette Davis und Olivia de Havilland und Lucille Ball, all diese verrückten Frauen. Und die ganzen Pop Stars der 80er Jahre, von Diana Ross über Olivia Newton John, Billie Joel, Lionell Richie, alle Beatles ausser John. Oh mein Gott… so geht es immer weiter. …Und natürlich Antonio Banderas, der Film „Evita“ und die ganzen Leute, die in „The Birdcage“ mitspielten. Und Robbie Williams, Nathan Payne, Dianne Wiest, Gene Hackman, es ist einfach… ich kann garnicht glauben, dass ich das bin. Ich fühle mich irgendwie von all dem getrennt, weil ich doch nur dieses Kind aus „Nowheresville“ am Delaware Fluss war, wo es nur Ölraffinerien gab, und jetzt ist mein Leben künstlerisch so ausgefüllt. Aber da ich aus dieser Gegend kam, wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, dass mein Leben sich so entwickeln könnte.


    Q: Nun ja, du hast sogar einmal eine – nennen wir es Konzert-Review – von Papst Johannes Paul II bekommen?
    Vincent Paterson:(lacht) Weißt du, was lustig ist? Irgendwann sah ich einen Horrorfilm, den Namen habe ich vergessen, aber der Vorspann enthielt ein Zitat von Papst Johannes Paul II, es war etwas wie „Hüte dich vor dem Teufel, denn der Teufel lebt in der Welt“, und ja, du hast recht. Der Mann muss teuflisch verrückt gewesen sein, denn diese Review vom Papst war die beste, die ich je bekam, sie bezog sich auf die Regie und Choreografie der „The Blonde Ambition Tour“. Ich hätte Satan zurück in die Welt gebracht und ich dachte nur, „Oh mein Gott! Ich wußte garnicht, dass ich diese Macht habe!“ (Lacht) Da bin ich einfach nur dieser Typ, der für irgendetwas Regie führte und choreografierte, einfach nur eine gute Zeit hatte, und dann stellt sich heraus, dass ich Satan zurück in die Welt brachte… man kann nie wissen, oder?
    Q: Ich musste das einfach erwähnen. Schon als ich den Trailer zu deinem Film sah, dachte ich, „das muss ich erwähnen!“ Diesen Ruhm können ja nicht viele Leute für sich beanspruchen.
    Vincent Paterson: Das ist richtig.
    Q: Wow. Du hast erwähnt, dass du in der Nähe des Delaware Flusses aufgewachsen bist. Erzähl uns deine Geschichte. Wo hast du angefangen? Was sind deine ersten Erinnerungen an Tanz und Tanzen?
    Vincent Paterson: Also, ich habe garkeine Erinnerungen an das Tanzen, denn ich habe bis ich 24 Jahre alt war, überhaupt nicht getanzt, aber…
    Q: Wow!


    Vincent Paterson: Meine Jugend war nicht einfach, ich musste eine Möglichkeit finden, dem zu entkommen. Ich war das älteste von 5 Kindern, und ich wußte, wenn ich nicht irgend eine Beschäftigung finde, würde ich mich noch umbringen oder so etwas. Als ich etwa 14 war kam ich zufällig zum Theater – und ich liebte es, die Möglichkeit zu haben, zu schauspielern und mich in all diese Rollen hinein zu versetzen, die mich weit von meiner eigenen Realität fort brachten. Ich tat es während der gesamten Highschool Zeit – und ich war ganz gut in der Highschool. Deshalb konnte ich weiter aufs College gehen. Meine Familie war arm. Sie konnten nie dafür bezahlen, aber ich bekam Stipendien, weil ich gute Noten hatte – ich war das, was man in der High School „Superhirn“ nannte. Also, ich ging dorthin und dachte, ich würde vielleicht einmal Anwalt. Ich dachte, auf diese Art könnte man viel Geld verdienen. Aber wie ein Idiot kam ich zum Theater und wurde Schauspieler und Regisseur. Ich ging aufs Dickinson College in Pennsylvania, ein sehr schöner Ort. Eine alte Schule, wunderschön. Dann ging ich nach Arizona, denn ich hatte in Philadelphia in einem Stück von Jean Genet mitgespielt, und mich entschlossen, irgendwo hinzuziehen, wo es warm war. Ich hasste die Kälte. Während meiner Kindheit sagte ich immer, „Wenn ich erwachsen bin, gehe ich nach Kalifornien.“ Niemand aus meiner Familie war jemals weiter als 15 Meilen von zuhause fort gewesen, deshalb dachten alle, ich wäre übergeschnappt. Aber ich setzte mich ins Auto und fuhr los, und kam im Sommer nach Tuscon, Arizona, und dort hatte es 30 Grad oder so…


    Jedenfalls war es wunderbar, auch im Januar, was bei uns der Winter ist. Also blieb ich da und jeden Tag, wenn ich zur Arbeit ging, kam ich an einem Ballett Studio vorbei und dachte mir, „Eigentlich bin ich ein richtiger Theater-Maulwurf. Ich habe noch nie wirklich trainiert. Ich muss trainieren.“ Ich ging also in dieses Studio und fragte nach Kursen für Erwachsene. „Nein, das haben wir nicht, aber Kurse für Teenager.“ „Ok“, dachte ich, „was soll’s, ich mach es einfach“. Ich besuchte den Teenager Ballett-Kurs. Ich lieh ich mir aus der Bücherei diese Bücher über Nureyev oder Balanchine oder Baryshnikov aus, und weil ich im Kurs sehr schlecht war, aber Schauspieler, stellte ich mir im Ballett-Kurs vor, einer dieser Leute zu sein. Wenn ich die Bewegungen aus der Rolle eines dieser Charaktere anging, begann mein Körper die Sprache der Bewegung zu verstehen – und so begann es. Und ich war 24, als ich damit anfing, und mit 28 hatte ich mich entschieden, dass es genau das war, was ich tun wollte und zog nach LA. Das war dann die Chance meines Lebens.


    Jamon: Wow, sehr beeindruckend. Danke, dass du uns deine Geschichte kurz erzählt hast. Könntest du uns ein paar deine Inspirationen im Bereich des Tanzes verraten?
    Vincent Paterson: Also, da ich ja nicht aus der Welt des Tanzes kam, war Tanz auch nicht das, was mich inspirierte. Das Theater inspirierte mich! Filme inspirierten mich! Großartige Fotografie inspirierte mich! Ich war ja schon erwachsen, als ich zum Tanz kam, und da wo ich her kam, tanzte niemand. Tanz war gar kein Thema. Es war eher so, dass man gesagt hätte, du wirst dir die Beine brechen, wenn du einen Tanzkurs besuchst. (lacht) Also Tanzen war da, wo ich her kam, wirklich nicht Teil des Lebens der Leute, glaubt’s mir. Da arbeitete man in Ölraffinerien, Beerdigungsinstituten, auf Bowlingbahnen oder in Pizzabuden. So war das da, wo ich aufwuchs.
    Q: Ein wahrer Billie Elliot.


    Vincent Paterson: Du hast es erfasst. Genau wie bei Billie Elliot, ausser, dass ich mit 12 Jahren noch keine Tanzkurse besuchte. Wie auch immer… der erste Tanz, den ich sah, war die Alvin Ailey’s Company und dort sah ich eine hervorragende schwarze Tänzerin namens Judith Jamison, die „Cry“, einen von Alvin Ailey choreografierten Tanz tanzte. Sie trug ein weißes Kleid und es war ein Solo, und ich war in Philadelphia um meine Familie zu besuchen und es war einfach unglaublich. Es war so wundervoll. Es berührte mich so tief und es war wohl der Beginn meines Weges, herauszufinden, was es mit dieser „Tanz-Geschichte“ auf sich hat. Danach sah ich mir einige alte Musicals an, denn meine Familie war nie ein Fan von Musicals oder etwas in der Art und wir gingen ganz bestimmt auch nie ins Theater. Wir wussten nicht einmal, wo ein Theater war. Ich begann also damit, alte Fred Astaire Filme anzusehen, oder Gene Kelly Filme und ich fand sie einfach fantastisch. Auch Bob Fosseys Arbeiten in diesen Filmen aus den 1940er und-50er Jahren. Und mir gefiel, was er mit Jack Cole und Marilyn Monroe machte in „Gentlemen prefer Blondes“. All das war hochinteressant.


    Als ich dann in LA Tanzkurse besuchte, hatte ich das Glück, großartige Lehrer zu haben, die mir eine große Bandbreite an Bewegungen vermittelten. Ich studierte all das, was man jetzt „Contemporary“ (zeitgenössisch) nennt, – damals hiess es nicht so – bei zwei Leuten namens Bill und Jacqui Landrum, einem Ehepaar. Sie waren fantastisch. Ich lernte Jazz von Michael Peters, der, wie wir wissen, ein großartiger Choreograf ist, und dessen Mentor, Lester Wilson, der in gewisser Weise der Urheber vieler der Bewegungen war, die Michael inspirierten. Lester machte auch viele Sachen für einige berühmte Frauen: Diana Ross und eine Frau, die ich nie kennenlernte, aber sie heisst Lola Falana. Eine schwarze Frau, fabelhaft und sexy, und sie machte viele Sachen in der Art von Jack Cole oder im Stil Marilyn Monroe. Das waren also meine Lehrer. Ich lernte modernen Tanz, Ballett, Flamenco, und ein klein wenig Stepptanz, nicht wirklich viel. Street-Dance war gerade erst am entstehen, als ich mit meinen Kursen aufhörte und mit Choreografieren begann, deshalb nahm ich nicht all zuviel von dieser Technik auf, nur ein wenig von den Anfängen. Zu der Zeit hatte ich entschieden, dass ich genug gelernt hatte und eigentlich choreografieren und Regie führen wollte. Sinngemäß war es so, dass ich nie Schauspieler sein wollte, sondern Regisseur.



    Q: Für mich hat diese Antwort jetzt einige Dinge erklärt. Da Tanz etwas sehr visuelles ist, und dann zu hören, dass deine Inspirationen auch vom Theater und Film stammen, erklärt, warum einige deiner Stücke so einprägsam und theatralisch sind, so ganz anders. Deshalb vielen Dank für deine Antwort. So fügt sich alles zusammen, unglaublich, das zu hören.
    Vincent Paterson: Oh, sehr cool.
    Q: Wie ging es mit deiner Karriere dann weiter? Wie alt warst du und wie kam es dazu, dass deine Karriere einige der bekanntesten Namen der Entertainment-Welt beinhaltet? Wie kam es, dass du, obwohl du erst so spät mit dem Tanzen angefangen hast, so erfolgreich wurdest?


    Vincent Paterson: Als ich nach Los Angeles zog, hatte ich nur 1000 Dollar. Das war Ende der 1970er Jahre und das war alles, was ich besaß. Ein paar Freunde aus Tucson gaben mir den Namen eines Typen und eines Mädchens, die schon hier lebten und meinten, ich könnte in ihrem Appartement wohnen, denn sonst hatte ich keine Bleibe. Ich kam dorthin und es stellte sich heraus, dass der Typ ein Ex-Vietnam Soldat war, aber er war eine unglaubliche black Drag-Queen, einfach phänomenal, ungeheuerlich. Die unglaublichste Person, die ich je kennenlernte und das Mädchen war eine hübsche Prostituierte, ein weisses Mädchen mit 2 französischen Pudeln. Und die beiden waren die süßesten Menschen, die es nur geben konnte, unglaublich großzügig. Sie gaben mir eine Ecke in ihrem 1-Zimmer Appartement und wollten kein Geld dafür. Sie sagten mir nur, dass ich zu bestimmten Zeiten, in denen sie ihrem Geschäft nachgingen, nicht da sein könnte. Aber bis auf das haben sie… sie haben mir sozusagen das Leben gerettet. Ich zog im Januar nach LA und bewarb mich neun Monate lang für jede Audition, denn ich hatte mir geschworen, Tänzer zu werden.


    Würde ich davon nicht leben können, würde ich dieses Geschäft nicht weiter verfolgen und etwas anderes probieren. Es war im September, und ich hatte schon ein paar Tage nichts gegessen, als ein Freund mich in ein Restaurant einlud. Dort las ich auf einem Schild, dass sie Kellner suchten, also ging ich hin und fragte nach. Sie sagten, ich müsse zur Abendschicht wieder kommen. Dann ging ich zu meiner – wie ich dachte – letzten Tanzstunde mit Bill und Jacqui Landrum und das Telefon klingelte. Ich ging raus und nahm das Gespräch an. Es war ein Choreograf, den ich noch nicht kannte. Er sagte: „Hör zu, ich mache ein TV Special und brauche noch einen weiteren Tänzer. Und Lester Wilson – (das ist der, den ich schon zuvor erwähnte) – Lester Wilson hat mir deinen Namen genannt und gesagt, ich sollte dich bei der Tanzstunde ansehen. Kann ich das tun?“ Ich sagte: „Aber bitte!“ Also kam er, nahm mich aus dem Kurs und gab mir meinen ersten Job. Es war ein TV Special. Und ab da passte ich ins Bild. Ich ging natürlich zu vielen Auditions, aber ich lernte auch immer mehr Choreografen kennen, und auf diese Weise kam man zu der Zeit hauptsächlich an die Gigs. Wenn du deine Sache gut gemacht hast, riefen sie dich an, um zu hören, ob du den nächsten Job wolltest. So hab ich das gemacht. Ich tanzte sehr viel. Ich ging mit Shirley McLaine auf Welttournee. Ich kam sogar mit ihr nach Australien, während einem meiner ersten Jobs. Und ich machte auch viel fürs TV, viele Werbespots. Und dann ging ich zur Audition für Beat It. Wollt ihr diese Geschichte hören?


  • ...........Fortsetzung


    Q: Na klar.
    Vincent Paterson: (lacht) Also dann… ich hörte… Michael Peters sagte zu mir: „Ich kann dir den Gig nicht einfach geben, aber du kannst zur Audition kommen, und Michael Jackson wird entscheiden, wer dabei sein wird.“ Ich sagte: „Ok, fein, das macht nichts“. Ich war ja Schauspieler und ich wusste ausserdem, dass es um Gangs gehen würde. Ich kam also zur Audition und war so ähnlich angezogen, wie ich dann später auch im Video, als dieser Gang-Anführer bei dem Messerkampf, gekleidet war. Ich kam dahin mit einem schmuddeligen Bart, etwas fettigen Haaren, ich trug einen Ohrring und Jeans und eine Jacke – und all die anderen Typen kamen als Tänzer. Sie trugen enge Hosen, Tank-Tops, Stulpen und Jazz-Schuhe. Naja, es ist halt sehr schwer, in einem pinken Tank-Top, Stulpen und Jazz-Schuhen wie ein Gangmitglied auszusehen, verstehst du? (lacht)


    Q: Ok, kommt darauf an, welche Gang es ist, oder?
    Vincent Paterson: (lacht) Ja, genau! Ich glaube aber nicht, dass sie bei diesem Film nach dieser Sorte Gang Ausschau hielten. (lacht) Ok, ich bemerkte schon gleich als ich rein kam, noch bevor wir tanzten, dass Michael Jacksons Augen mir folgten. Und er sprach mit Michael Peters: „Wer ist das?“ Zum Glück konnte ich auch tanzen und den Look unterstützen. Ich bekam also diesen Gig. Und das führte zu ganz vielen anderen Dingen, wirklich sehr vielen… Aus choreografischer Sicht – bevor ich dann über Michael spreche – waren einige der anderen, für die ich arbeitete George Harrison, Ringo Starr, all die Größen der 80er. Donna Summer, Pat Benatar, Billy Joel. Oh mein Gott.. Ich führte Regie bei einer großen Benefiz Veranstaltung für die AIDS Hilfe, bei der Elton John, Billy Joel, Liza Minelli, Barbra Streisand, Patti LaBelle, Natalie Cole, Kenny Loggins, Wyonna Judd, Sheila E dabei waren. Oh, ja.. das alles kam durch Beat It. Es öffnete mir jede Tür. Die Anrufe kamen einfach, auch wenn ich es garnicht choreografiert hatte.


    Wegen Michael Jackson, und auch wegen Madonna, aber vor allem wegen Michael, weil er ein Mann war, wollte sich jeder in der Rock-Welt bewegen. Van Halen, sie riefen mich auch. Ich machte 2 Projekte mit Van Halen, „Hot for Teacher“ und „California Girls“ für David Lee Roth. Alle wollten sich bewegen, sie waren nicht mehr damit zufrieden, einfach nur hinter ihren Instrumenten zu stehen und zu spielen. Michael hatte also für Leute wie mich und andere junge Choreografen, die sonst nicht gewusst hätten, was sie mit ihrem Leben hätten anfangen sollen, eine ganz neue Welt an Möglichkeiten eröffnet. Sie dachten, es gibt nur Michael Jackson und Madonna und ein paar andere, aber die Dinge änderten sich und eine ganze Welt tat sich auf. Ja, er tat wirklich eine Menge.


    Er tat so viel. Und weil ich gerade dabei bin, ihn zu preisen, lasst mich noch eine Sache sagen. Eines der Dinge, die sich als Reaktion auf seine Kurzfilme veränderte, war, dass er nicht nur den Tanz zurück in die Welt brachte, denn seit der Zeit von Fred Astaire gab es da wirklich nicht viel, höchstens vielleicht „American Bandstand“ und „Soul Train“, aber ich weiß nicht, wann genau das war. Er brachte wirklich den Tanz zurück und er zerstörte das Stigma, dass männliche, schwule Ballett-Tänzers die einzigen Männer sind, die tanzen konnten und von der Gesellschaft akzeptiert wurden. Und wegen seinen Kurzfilmen begannen Männer zu tanzen, ohne sich dafür zu schämen. Und ich glaube, das ist der Grund, warum sich Street-Dance entwickelte, und Hip-Hop und alles andere, das davon abstammt. Ich bin wirklich überzeugt, MJ war der Katalysator für Männer, die tanzen wollten und er gab ihnen die Möglichkeit zu sagen: „Yeah, das ist völlig ok, und vielleicht bekomme ich sogar einen Gig“.



    Jamon: Wow. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das höre. Brillante historische Zusammenhänge. Vielen Dank.
    Vincent Paterson: Wirklich wahr.
    Jamon: Yeah. Bevor wir weiter über einige der Michael Jackson Projekte sprechen, an denen du gearbeitet hast, möchte ich noch einmal zurück gehen und dich nach deinen ersten Erinnerungen an Michael Jackson fragen.


    Vincent Paterson: Nun, ich habe ihn immer im Radio gehört. „ABC“, als er ein Kind war, zusammen mit den Jackson 5, aber es war nicht wirklich meine Art Musik. Das kam zu der Zeit, wo ich selbst nur wenig älter war, und nicht diese Kinderstimmen hören wollte. Den Groove dieser Musik mochte ich natürlich, aber ich begeisterte mich mehr für die Musik der Hippie Ära, das waren die Leute, denen ich zuhörte, Grateful Dead und ähnliche Bands. Aber ich bewegte mich gerne, ich tanzte gerne, und deshalb hörte ich auch Jackson 5, genau wie ich auch viel Musik von anderen Leuten hörte, auch von Prince. Meine erste wirkliche Erinnerung an Michaels Stimme stammt eher von „Billie Jean“, denn als er die Familie verließ und sich als Solokünstler etablierte, bekam er für mich eine andere Wertigkeit. Ansonsten waren sie eigentlich mit „The Osmonds“ vergleichbar, nur mit mehr Funk. Eine Familien Band, alle anständig und witzig und mit einer eigenen Cartoonserie, aber das war für mich nicht wirklich Kunst. Als er dann aber seinen ganz eigenen Bereich betrat und seine eigene Stimme erforschte und fand, und der Sound, der dann entstand, das war seine Kunst und es begann mit Billie Jean. Ab da nahm ich ihn wahr.


    Q: Ich nehme an, als du zum ersten Mal mit ihm gearbeitet hast, bei „Beat It“, kam er gerade von einer Tour mit seinen Brüdern zurück, hatte gerade zuvor das Thriller Album veröffentlicht, das supergut lief und war zu der Zeit auch schon in den Medien präsent. Hattest du zu der Zeit, bevor du mit ihm gearbeitet hast, irgendeine Meinung über Michael Jackson?

    Vincent Paterson: Nein, hatte ich nicht. Und obwohl du all das genannt hast, gab es zu der Zeit keine Leute, die Michael Jackson verfolgten. Während dieser Zeit arbeiteten wir in einem großen Tanzstudio hier im San Fernando Valley, in Debbie Reynolds Studio. Und er kam, soweit ich mich erinnere, nur mit diesem Typ, der so etwas wie sein Bodyguard war, aber er war etwas älter als ein Bodyguard. Er war eigentlich mehr ein Freund. Sein Name war Bill Bray.

    Q: Oh ja, der Kerl mit dem Hut.


    Vincent Paterson: Ja, Bill. Zu den Proben kamen nur Michael und Bill Bray. Bill wartete dann im Auto oder so, und ich war mit Michael Peters und Michael in einem Raum, in dem wir arbeiteten, herum hangen und verrückte Dinge ausprobierten… Yeah, das war nicht „Michael Jackson“, wie wir uns das vorstellen, er wurde nicht verfolgt, es standen keine Leute draussen, die Autogramme wollten. Nach „Beat It“ gingen wir dann wieder in das gleiche Studio, um an „Thriller“ zu arbeiten, und dann waren schon ein paar mehr Leute da. Dieses Mal wurde Michael im Gang oder am Weg zum Parkplatz aufgehalten, um Autogramme zu geben. Aber es war wirklich erst nach „Beat It“ als sein Stern aufging und die Leute ihn beachteten, ihn wirklich erkannten und ihm folgten und all der Mob begann.
    Jamon: Erzähl uns etwas mehr über das Filmen von „Beat It“. Was war das erste, was Michael zu dir sagte und worüber habt ihr euch unterhalten?


    Vincent Paterson: Also an alles erinnere ich mich nicht mehr. Wirklich, das ist ja schon etwa 8000 Jahre her. Aber der Grund, warum ich mit Michael so gut aus kam, dazu muss ich sagen, dass ich nie jemand war, der unbedingt super eng mit Prominenten befreundet sein wollte, so wie viele andere es gerne wären. Und normalerweise, weil sie etwas von ihnen wollen. Und ich wollte nie etwas von Michael, oder von irgendeinem der Prominenten, mit denen ich arbeitete, ausser, dass ich vielleicht gerne die Chance hätte, noch mehr mit ihnen zu erschaffen, an weiteren Projekten zu arbeiten. Aber einer der Gründe, weshalb wir so gut zusammen gearbeitet haben ist, dass wir den gleichen Sinn für Humor haben und wir im Herzen Kinder sind, und einfach grundsätzlich nette Menschen.


    Michael war so schüchtern. Er wollte die ganze Zeit in seinem Trailer bleiben und ich klopfte dann an seine Tür, ging rein und sagte: „Komm, lass uns etwas draussen herum laufen. Lass uns mitten ins Geschehen gehen.“ Und er sagte: „Ach nein, ich weiß nicht“, und ich: „Jetzt komm schon, komm einfach. Wenn es dir nicht gefällt, oder wenn es schrecklich ist, gehen wir einfach wieder zurück.“ „Ok, ok..“ Wir gingen dann raus und redeten, und ich erzähle euch eine coole Geschichte, die am Set von „Beat It“ passierte. Wir beide standen dort und warteten auf die Einrichtung einer der Szenen, welche es war, weiß ich nicht mehr. Ich unterhielt mich mit ihm und wir standen auf einem Gehweg, in der Nähe von ein paar Gebäuden. Mir fiel auf, dass etwas auf seine Schulter tropfte, aber er trug diese rote Jacke. Ich sagte: „Was tropft da auf deine Schulter?“ und steckte meinen Finger hinein – es war Blut. Wir sahen nach oben, und da war dieser Typ, der angeschossen oder gestochen worden war, und er kroch gerade aus einem Fenster auf die Feuerleiter, einen Stock nach oben und verschwand in einem anderen Fenster. Es war verrückt. Wir sahen uns an und dachten: „Oh mein Gott, wir sind wirklich in Downtown LA! Das ist kein Film, das ist die Realität!“

    Q: „Wir sind nicht mehr in Kansas, Toto.“ (We’re not in Kansas anymore, Toto – Zitat aus The Wizard of Oz)


    Vincent Paterson: Ja genau! Das war also eines der abenteuerlichen Dinge, die passierten. Ansonsten war es ein typischer Film-Dreh, du bereitest dich vor, du machst deine Arbeit und du machst es noch eimal, und noch einmal, und noch einmal… 25 Aufnahmen später tust du immer noch das Gleiche, und jedes Mal musst du so tun, als wäre es das erste Mal. Aber es war großartig, und immer neben Michael zu tanzen war mehr als aufregend. Er hat diese unglaubliche Energie, man kann sagen, sie fliesst einfach, sie schießt aus seinem Körper, und wenn du in der Nähe bist, wirst du daran angeschlossen. Und wenn ich darüber nachdenke – ich bin einfach nur ehrlich und kein Egozentriker… also, er war kein ausgebildeter Tänzer. Ich bin sicher er erlernte ein paar Dinge bei Motown. Er konnte steppen und er arbeitete jeden Sonntag mit ein paar Streetdancern und perfektionierte seinen persönlichen „Street Look“, aber er war kein ausgebildeter Tänzer. Er nahm keine Jazz- und Ballett-Kurse so wie wir anderen, die in diesen Videos um ihn herum waren. Wenn du aber ihn ansiehst und dann uns… da gibt es keinen Unterschied. Ich will sagen, es ist, als hätte er jeden einzelnen Tag in den letzten 25 Jahren seines Lebens trainiert, so wie all die anderen dort! Phänomenal, einfach phänomenal!


    Und das war das Thema, nachdem wir den ersten Durchgang von Thriller gemacht hatten. Ich erinnere mich, dass jeder schockiert war, weil wir nur 2 Tage mit Michael verbracht hatten und zusammen mit Michael Peters Thriller eingeübt hatten. Wir kamen ins Studio, holten die restlichen Tänzer dazu und führten die erste Probe durch. Die Leute flippten aus, denn jeder schrie „Ja, ja! Oh mein Gott! Ja!“ Und er war so schüchtern und verlegen, und ich ging zu ihm hin, klopfte ihm auf den Rücken und umarmte ihn… (lacht) ja, das ist eine nette Geschichte, ich habe lange nicht mehr daran gedacht.



    Q: Oh, unglaublich! Wir sind wirklich begeistert, dass wir mit dir sprechen können und wahrscheinlich werden wir noch öfter in der Zeit vor und zurück springen. Ich wurde durch „Black or White“ zum Mega-Fan, das war die erste Single seines neuen Albums. Das Video war gigantisch, und das Konzept entwickelte sich, als der Film gedreht wurde. Erzähl uns etwas über die Tanzszenen, die in diesem Video gezeigt werden, und warum sie im Vergleich zu anderen Tanzszenen Michaels einmalig sind. Vielleicht sagst du auch etwas zu der tieferen Bedeutung hinter den Moves und der Choreografie, denn in diesem Film steckt so viel drin.


    Vincent Paterson: Also, das war so. Natürlich muss ich dazu noch sagen, dass jeder seine eigenen Erinnerungen an bestimmte Dinge hat, aber ich bin 99-100% sicher, dass es so war. Ich kam am ersten Tag, an dem John Michael filmen sollte, dazu. Ich möchte sagen, dass John Landis hervorragend ist. Ein großartiger Regisseur, witzig und talentiert. Also richtet sich das hier in keinster Weise gegen John. Und er filmte Thriller, also ist er brillant. Aber – Michael rief mich zu sich und ich ging zu seinem Trailer und er flippte aus… also nicht auf wütende Art, das tat er nie, es war Nervösität. Er sagte: „Oh mein Gott! Vince, du musst mir helfen. Wir können das nicht machen!“ Und ich fragte: „Was?“. Und er: „Ich sag dir, was John tun will: Er möchte mich zu Ehren dieses Fotografen filmen, der Portraits von Leuten immer vor einem grauen Hintergrund fotografierte, und er sagte, er möchte das gesamte „Black or White“ Video mit mir in einer Ecke mit nichts als grauen Wänden filmen, und das ist alles! Ich erkenne ja an, das er mich für interessant genug hält, so etwas tun zu können, aber das kann ich meinen Fans nicht antun!


    Das kann ich nicht machen! Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin so aufgebracht!” Ich sagte zu ihm: „Lass uns einfach darüber reden.“ Wir redeten und ich sagte zu ihm: „Sieh mal, dieses Lied heisst „Black or White“ und du sprichst darin über alle möglichen Nationalitäten der Welt. Was wäre, wenn wir jeden Abschnitt woanders filmen würden? Etwas hier, etwas da und etwas dort?“ Der Anfang war so geplant, in Afrika, und er tanzt auf diesem grauen Set. So sollte es bleiben, durch den ganzen Rest des Videos hindurch. Ich warf einfach Ideen in den Raum. Und Michael warf Ideen in den Raum. Ich sagte: „Wie wäre es, wenn wir thailändische Tänzerinnen hätten?“ Und er: „ Ja, ja, das ist cool.“ „Was wäre mit Indianern?“ „Oh ja, großartig!“ „Und russische Cowboys?“ Wir hatten einfach alle möglichen Ideen, als wir da zusammen saßen, und wir hatten noch keine Ahnung, wo wir all das filmen wollten, aber wir wussten, es würde ein viel spannenderer Film werden.


    John hatte zwei weitere interessante Szenenbilder: Das Bild von Michael, wie er gegen die Feuerwand läuft und die Freiheitsstatue. Das war das vorgesehene Ende, aber der gesamte Mittelteil sollte vor diesem Grau gedreht werden. Also setzten MJ und ich uns zusammen und stellten die Dinge zusammen: „Ok, in dem Teil kann das passieren, hier kann das passieren und in diesem Teil das.“ Wir riefen John und redeten mit ihm, Michael war ganz ehrlich und sagte: – Das war Michael, Ich habe mit so vielen Leuten gearbeitet und viele von ihnen wäre es einfach zu peinlich gewesen oder sie wären sich zu fein gewesen, um überhaupt mit John Landis zu reden und hätten stattdessen jemanden beauftragt, ihn raus zu werfen. So grob erledigt man das in Hollywood. Aber hier haben wir Michael, er ist einfach so nett. – Also, er ruft John und sagt: „John, ich liebe alles, was du dir ausgedacht hast, aber es ist so, dass meine Fans einfach viel mehr erwarten und ich möchte ihnen auch viel mehr bieten, denn ohne meine Fans, bin ich nichts. Und ich liebe sie alle und sie lieben mich.


    Ich kann nicht einfach das ganze Teil vor diesem Grau machen, das geht einfach nicht.“ Und er sagt: „Vince und ich haben etwas ausgearbeitet, wir haben all diese Ideen, und wir wollen sie dir zeigen.“ Und John sah sie sich an und sagte „Yeah, sieht gut aus.“ So ist John. „Ok, lasst uns ein paar Leute von der Produktion her rufen und die richtigen Locations finden, um das zu drehen. Ich seh’ euch beide dann später,“ und dann ging er wieder raus. Michael umarmte mich, er sagte: „Danke, vielen Dank!“ Und ich antwortete: „Nein, hör zu, ich bin ganz deiner Meinung. Ich glaube, du musst es mal so sehen, Michael. John glaubt einfach an dein Talent und für ihn könntest du in einem leeren Raum tanzen und du wärst trotzdem spektakulär. Und die Wahrheit ist, für deine Fans könntest du auch in einem leeren Raum, singen und tanzen. Aber ich verstehe dich, du möchtest etwas großes tun. Du sagst mir immer, du möchtest etwas tun, was die Welt zuvor noch nicht gesehen hat. Das hast du immer gesagt, also lass es uns tun.“



    So fing das alles an.


    ....zum weiterlesen :guckstuhttps://all4michael.com/2017/1…iew-mit-vincent-paterson/

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