The MJCast Interview mit Vincent Paterson
7. November 2017
Q (The MJCast): Heute möchten wir etwas sehr cooles mit euch teilen.
Jamon (The MJCast): Ja genau. Wir haben ein Interview mit einem sehr engen Mitarbeiter Michaels, dem großartigen Choreografen mit dem Namen Vincent Paterson. Es gibt eine Dokumentation über ihn mit dem Titel „Der Mann hinter dem Thron“ (The Man Behind the Throne), und ich denke, dass ist genau der richtige Ausdruck, um ihn zu beschreiben. Er ist ein Typ, der in Michaels Karriere nicht sehr oft im Scheinwerferlicht steht, aber er spielte bei vielen visuellen Aspekten von Michaels Kunst eine absolut wichtige Rolle.
Q: Und ich denke, er hinterließ einen großen Fußabdruck in der Popkultur.
Jamon: Auf jeden Fall.
Q: Ja, also ich denke, wir sollten mit der Show beginnen.
Jamon: Ja, lass uns anfangen!
Q: Willkommen bei The MJCast! Ich heisse Q und heute bin ich hier mit Jamon Bull. Wenn die Leute über Michael Jacksons Karriere sprechen, werden einige Name oft erwähnt: die Studio-Genies Berry Gordy, Quincy Jones und Bruce Swedien. Ich denke, ein Name sollte bei dieser Aufzählung auch dabei sein, weil er genau so wichtig ist: Choreograf und Regisseur Vincent Paterson.
Jamon: Ja genau. Vincent Paterson begann seine Karriere mit Michael, als Assistent-Choreograf und Tänzer in den Kurzfilmen zu „Beat It“ und „Thriller“, bevor er das zeitlose Meisterstück „Smooth Criminal“ choreografierte. Auch bei anderen visuellen Meisterwerken, wie „Black or White“, „The Way you Make me Feel“, „Dirty Diana“ und „Blood on the Dancefloor“, spielte Vincent Paterson eine entscheidende Rolle. Aber seine Mitarbeit bezog sich nicht nur auf die Kurzfilme. Durch seine Regiearbeit und Choreografie der Bad World Tour, Michaels Super Bowl Performance und des MTV 10th Anniversary Specials, war er zudem wesentlich an Michaels Live Performances und seinem ikonischen Status in der Pop Kultur beteiligt. Vincent war ein wichtiger Mitarbeiter bei Michaels Performances und heute werden wir über seinen Werdegang sprechen. Danke Vincent, dass du uns bei The MJCast besuchst.
Vincent Paterson: Danke euch. Es ist mir eine Freude, hier zu sein und das war wirklich eine nette Einführung. Als ob meine Vergangenheit im Schnelldurchlauf an meinen Augen vorbei gezogen wäre. (lacht)
Q: Das war höchstens ein Kratzen an der Oberfläche, denn du hast mit so vielen unglaublichen Künstlern zusammen gearbeitet, wir könnten hier zwei Tage am Stück sitzen, und nur die Leute aufzählen, mit denen du gearbeitet hast.
Vincent Paterson: Wo ich die großartige Möglichkeit hatte, das zu tun. Oh ja. Vielleicht eine ganze Woche lang, wer weiß?
Q: Ja wirklich! Nenn einfach ein paar Namen. Also, du hast mit Madonna gearbeitet. Und und auch mit Miss Piggy, was auch sehr cool ist.
Vincent Paterson: Das stimmt ganz genau. Da gibt es so viele wunderbare Leute auf der Liste. Deshalb liebe ich mein Leben. Ich bin in der Welt der Schauspielerei genauso zu Hause, wie in der Welt des Tanzes… diese alten Leute, an die wir uns erinnern, oder von denen wir Bilder sehen, wie Bette Davis und Olivia de Havilland und Lucille Ball, all diese verrückten Frauen. Und die ganzen Pop Stars der 80er Jahre, von Diana Ross über Olivia Newton John, Billie Joel, Lionell Richie, alle Beatles ausser John. Oh mein Gott… so geht es immer weiter. …Und natürlich Antonio Banderas, der Film „Evita“ und die ganzen Leute, die in „The Birdcage“ mitspielten. Und Robbie Williams, Nathan Payne, Dianne Wiest, Gene Hackman, es ist einfach… ich kann garnicht glauben, dass ich das bin. Ich fühle mich irgendwie von all dem getrennt, weil ich doch nur dieses Kind aus „Nowheresville“ am Delaware Fluss war, wo es nur Ölraffinerien gab, und jetzt ist mein Leben künstlerisch so ausgefüllt. Aber da ich aus dieser Gegend kam, wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, dass mein Leben sich so entwickeln könnte.
Q: Nun ja, du hast sogar einmal eine – nennen wir es Konzert-Review – von Papst Johannes Paul II bekommen?
Vincent Paterson:(lacht) Weißt du, was lustig ist? Irgendwann sah ich einen Horrorfilm, den Namen habe ich vergessen, aber der Vorspann enthielt ein Zitat von Papst Johannes Paul II, es war etwas wie „Hüte dich vor dem Teufel, denn der Teufel lebt in der Welt“, und ja, du hast recht. Der Mann muss teuflisch verrückt gewesen sein, denn diese Review vom Papst war die beste, die ich je bekam, sie bezog sich auf die Regie und Choreografie der „The Blonde Ambition Tour“. Ich hätte Satan zurück in die Welt gebracht und ich dachte nur, „Oh mein Gott! Ich wußte garnicht, dass ich diese Macht habe!“ (Lacht) Da bin ich einfach nur dieser Typ, der für irgendetwas Regie führte und choreografierte, einfach nur eine gute Zeit hatte, und dann stellt sich heraus, dass ich Satan zurück in die Welt brachte… man kann nie wissen, oder?
Q: Ich musste das einfach erwähnen. Schon als ich den Trailer zu deinem Film sah, dachte ich, „das muss ich erwähnen!“ Diesen Ruhm können ja nicht viele Leute für sich beanspruchen.
Vincent Paterson: Das ist richtig.
Q: Wow. Du hast erwähnt, dass du in der Nähe des Delaware Flusses aufgewachsen bist. Erzähl uns deine Geschichte. Wo hast du angefangen? Was sind deine ersten Erinnerungen an Tanz und Tanzen?
Vincent Paterson: Also, ich habe garkeine Erinnerungen an das Tanzen, denn ich habe bis ich 24 Jahre alt war, überhaupt nicht getanzt, aber…
Q: Wow!
Vincent Paterson: Meine Jugend war nicht einfach, ich musste eine Möglichkeit finden, dem zu entkommen. Ich war das älteste von 5 Kindern, und ich wußte, wenn ich nicht irgend eine Beschäftigung finde, würde ich mich noch umbringen oder so etwas. Als ich etwa 14 war kam ich zufällig zum Theater – und ich liebte es, die Möglichkeit zu haben, zu schauspielern und mich in all diese Rollen hinein zu versetzen, die mich weit von meiner eigenen Realität fort brachten. Ich tat es während der gesamten Highschool Zeit – und ich war ganz gut in der Highschool. Deshalb konnte ich weiter aufs College gehen. Meine Familie war arm. Sie konnten nie dafür bezahlen, aber ich bekam Stipendien, weil ich gute Noten hatte – ich war das, was man in der High School „Superhirn“ nannte. Also, ich ging dorthin und dachte, ich würde vielleicht einmal Anwalt. Ich dachte, auf diese Art könnte man viel Geld verdienen. Aber wie ein Idiot kam ich zum Theater und wurde Schauspieler und Regisseur. Ich ging aufs Dickinson College in Pennsylvania, ein sehr schöner Ort. Eine alte Schule, wunderschön. Dann ging ich nach Arizona, denn ich hatte in Philadelphia in einem Stück von Jean Genet mitgespielt, und mich entschlossen, irgendwo hinzuziehen, wo es warm war. Ich hasste die Kälte. Während meiner Kindheit sagte ich immer, „Wenn ich erwachsen bin, gehe ich nach Kalifornien.“ Niemand aus meiner Familie war jemals weiter als 15 Meilen von zuhause fort gewesen, deshalb dachten alle, ich wäre übergeschnappt. Aber ich setzte mich ins Auto und fuhr los, und kam im Sommer nach Tuscon, Arizona, und dort hatte es 30 Grad oder so…
Jedenfalls war es wunderbar, auch im Januar, was bei uns der Winter ist. Also blieb ich da und jeden Tag, wenn ich zur Arbeit ging, kam ich an einem Ballett Studio vorbei und dachte mir, „Eigentlich bin ich ein richtiger Theater-Maulwurf. Ich habe noch nie wirklich trainiert. Ich muss trainieren.“ Ich ging also in dieses Studio und fragte nach Kursen für Erwachsene. „Nein, das haben wir nicht, aber Kurse für Teenager.“ „Ok“, dachte ich, „was soll’s, ich mach es einfach“. Ich besuchte den Teenager Ballett-Kurs. Ich lieh ich mir aus der Bücherei diese Bücher über Nureyev oder Balanchine oder Baryshnikov aus, und weil ich im Kurs sehr schlecht war, aber Schauspieler, stellte ich mir im Ballett-Kurs vor, einer dieser Leute zu sein. Wenn ich die Bewegungen aus der Rolle eines dieser Charaktere anging, begann mein Körper die Sprache der Bewegung zu verstehen – und so begann es. Und ich war 24, als ich damit anfing, und mit 28 hatte ich mich entschieden, dass es genau das war, was ich tun wollte und zog nach LA. Das war dann die Chance meines Lebens.
Jamon: Wow, sehr beeindruckend. Danke, dass du uns deine Geschichte kurz erzählt hast. Könntest du uns ein paar deine Inspirationen im Bereich des Tanzes verraten?
Vincent Paterson: Also, da ich ja nicht aus der Welt des Tanzes kam, war Tanz auch nicht das, was mich inspirierte. Das Theater inspirierte mich! Filme inspirierten mich! Großartige Fotografie inspirierte mich! Ich war ja schon erwachsen, als ich zum Tanz kam, und da wo ich her kam, tanzte niemand. Tanz war gar kein Thema. Es war eher so, dass man gesagt hätte, du wirst dir die Beine brechen, wenn du einen Tanzkurs besuchst. (lacht) Also Tanzen war da, wo ich her kam, wirklich nicht Teil des Lebens der Leute, glaubt’s mir. Da arbeitete man in Ölraffinerien, Beerdigungsinstituten, auf Bowlingbahnen oder in Pizzabuden. So war das da, wo ich aufwuchs.
Q: Ein wahrer Billie Elliot.
Vincent Paterson: Du hast es erfasst. Genau wie bei Billie Elliot, ausser, dass ich mit 12 Jahren noch keine Tanzkurse besuchte. Wie auch immer… der erste Tanz, den ich sah, war die Alvin Ailey’s Company und dort sah ich eine hervorragende schwarze Tänzerin namens Judith Jamison, die „Cry“, einen von Alvin Ailey choreografierten Tanz tanzte. Sie trug ein weißes Kleid und es war ein Solo, und ich war in Philadelphia um meine Familie zu besuchen und es war einfach unglaublich. Es war so wundervoll. Es berührte mich so tief und es war wohl der Beginn meines Weges, herauszufinden, was es mit dieser „Tanz-Geschichte“ auf sich hat. Danach sah ich mir einige alte Musicals an, denn meine Familie war nie ein Fan von Musicals oder etwas in der Art und wir gingen ganz bestimmt auch nie ins Theater. Wir wussten nicht einmal, wo ein Theater war. Ich begann also damit, alte Fred Astaire Filme anzusehen, oder Gene Kelly Filme und ich fand sie einfach fantastisch. Auch Bob Fosseys Arbeiten in diesen Filmen aus den 1940er und-50er Jahren. Und mir gefiel, was er mit Jack Cole und Marilyn Monroe machte in „Gentlemen prefer Blondes“. All das war hochinteressant.
Als ich dann in LA Tanzkurse besuchte, hatte ich das Glück, großartige Lehrer zu haben, die mir eine große Bandbreite an Bewegungen vermittelten. Ich studierte all das, was man jetzt „Contemporary“ (zeitgenössisch) nennt, – damals hiess es nicht so – bei zwei Leuten namens Bill und Jacqui Landrum, einem Ehepaar. Sie waren fantastisch. Ich lernte Jazz von Michael Peters, der, wie wir wissen, ein großartiger Choreograf ist, und dessen Mentor, Lester Wilson, der in gewisser Weise der Urheber vieler der Bewegungen war, die Michael inspirierten. Lester machte auch viele Sachen für einige berühmte Frauen: Diana Ross und eine Frau, die ich nie kennenlernte, aber sie heisst Lola Falana. Eine schwarze Frau, fabelhaft und sexy, und sie machte viele Sachen in der Art von Jack Cole oder im Stil Marilyn Monroe. Das waren also meine Lehrer. Ich lernte modernen Tanz, Ballett, Flamenco, und ein klein wenig Stepptanz, nicht wirklich viel. Street-Dance war gerade erst am entstehen, als ich mit meinen Kursen aufhörte und mit Choreografieren begann, deshalb nahm ich nicht all zuviel von dieser Technik auf, nur ein wenig von den Anfängen. Zu der Zeit hatte ich entschieden, dass ich genug gelernt hatte und eigentlich choreografieren und Regie führen wollte. Sinngemäß war es so, dass ich nie Schauspieler sein wollte, sondern Regisseur.
Q: Für mich hat diese Antwort jetzt einige Dinge erklärt. Da Tanz etwas sehr visuelles ist, und dann zu hören, dass deine Inspirationen auch vom Theater und Film stammen, erklärt, warum einige deiner Stücke so einprägsam und theatralisch sind, so ganz anders. Deshalb vielen Dank für deine Antwort. So fügt sich alles zusammen, unglaublich, das zu hören.
Vincent Paterson: Oh, sehr cool.
Q: Wie ging es mit deiner Karriere dann weiter? Wie alt warst du und wie kam es dazu, dass deine Karriere einige der bekanntesten Namen der Entertainment-Welt beinhaltet? Wie kam es, dass du, obwohl du erst so spät mit dem Tanzen angefangen hast, so erfolgreich wurdest?
Vincent Paterson: Als ich nach Los Angeles zog, hatte ich nur 1000 Dollar. Das war Ende der 1970er Jahre und das war alles, was ich besaß. Ein paar Freunde aus Tucson gaben mir den Namen eines Typen und eines Mädchens, die schon hier lebten und meinten, ich könnte in ihrem Appartement wohnen, denn sonst hatte ich keine Bleibe. Ich kam dorthin und es stellte sich heraus, dass der Typ ein Ex-Vietnam Soldat war, aber er war eine unglaubliche black Drag-Queen, einfach phänomenal, ungeheuerlich. Die unglaublichste Person, die ich je kennenlernte und das Mädchen war eine hübsche Prostituierte, ein weisses Mädchen mit 2 französischen Pudeln. Und die beiden waren die süßesten Menschen, die es nur geben konnte, unglaublich großzügig. Sie gaben mir eine Ecke in ihrem 1-Zimmer Appartement und wollten kein Geld dafür. Sie sagten mir nur, dass ich zu bestimmten Zeiten, in denen sie ihrem Geschäft nachgingen, nicht da sein könnte. Aber bis auf das haben sie… sie haben mir sozusagen das Leben gerettet. Ich zog im Januar nach LA und bewarb mich neun Monate lang für jede Audition, denn ich hatte mir geschworen, Tänzer zu werden.
Würde ich davon nicht leben können, würde ich dieses Geschäft nicht weiter verfolgen und etwas anderes probieren. Es war im September, und ich hatte schon ein paar Tage nichts gegessen, als ein Freund mich in ein Restaurant einlud. Dort las ich auf einem Schild, dass sie Kellner suchten, also ging ich hin und fragte nach. Sie sagten, ich müsse zur Abendschicht wieder kommen. Dann ging ich zu meiner – wie ich dachte – letzten Tanzstunde mit Bill und Jacqui Landrum und das Telefon klingelte. Ich ging raus und nahm das Gespräch an. Es war ein Choreograf, den ich noch nicht kannte. Er sagte: „Hör zu, ich mache ein TV Special und brauche noch einen weiteren Tänzer. Und Lester Wilson – (das ist der, den ich schon zuvor erwähnte) – Lester Wilson hat mir deinen Namen genannt und gesagt, ich sollte dich bei der Tanzstunde ansehen. Kann ich das tun?“ Ich sagte: „Aber bitte!“ Also kam er, nahm mich aus dem Kurs und gab mir meinen ersten Job. Es war ein TV Special. Und ab da passte ich ins Bild. Ich ging natürlich zu vielen Auditions, aber ich lernte auch immer mehr Choreografen kennen, und auf diese Weise kam man zu der Zeit hauptsächlich an die Gigs. Wenn du deine Sache gut gemacht hast, riefen sie dich an, um zu hören, ob du den nächsten Job wolltest. So hab ich das gemacht. Ich tanzte sehr viel. Ich ging mit Shirley McLaine auf Welttournee. Ich kam sogar mit ihr nach Australien, während einem meiner ersten Jobs. Und ich machte auch viel fürs TV, viele Werbespots. Und dann ging ich zur Audition für Beat It. Wollt ihr diese Geschichte hören?