Das Prinzip Vergebung
Welcher Weg zurück ins Pantheon der Stars führen kann
[...] Die Antwort der Hollywood-Historiker, die sich im Lauf der Filmgeschichte immer wieder bestätigt hat, ist denkbar einfach: Fast alles kann vergeben werden, solange der Star große Werke produziert. Die verlogene Moral der Klatschpresse, die entrüsteten Aufschreie der Sittenwächter täuschen in Wahrheit nur kurz darüber hinweg, dass in Wirklichkeit eine weitreichende Mythologie des Künstlertums existiert, die auch Film- und Popstars gnädig umfasst: Wer Werke von bleibendem Wert schaffen will, braucht Dämonen, die ihn dazu antreiben, der darf nicht akzeptieren, was anderen als geltende Regel gilt, der muss die eigenen Tiefen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ausloten. [...] Und jede Wette: Wenn Michael Jackson morgen mit einem neuen Song in der Qualität von, sagen wir, „Billie Jean“ auf den Markt käme – ein ganzes Jahrzehnt voller Skandale, Prozesse und Verrücktheiten würde sich bald in Nichts auflösen. Noch aber ergeht es ihm wie einst Fatty Arbuckle. Die Justiz hat ihn vielleicht von seinen Sünden freigesprochen, doch das Publikum hat ihn auf ewig aus dem Pantheon der Stars verbannt. [...]
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 13./14. Januar 2007